Das Kino der Vergessenen

Wo früher Filmklassiker über die Leinwand flimmerten, leben heute hunderte Menschen im Dreck und Gestank. Sauberes Wasser ist im Kino-Slum von Phnom Penh purer Luxus.

Ein eigener Kosmos

Mitten in Phnom Penh, fußläufig der Touristenmeile am Flussufer leben die Ärmsten der Armen: Hinter der Fassade eines ehemaligen Kinos verbirgt sich ein eigener Kosmos, ein Innenstadt-Slum, scheinbar vergessen von der Außenwelt. Sauberes Trinkwasser ist hier für viele Bewohner fast unbezahlbar.

 

  • Das Kino
  • Leben im Müll
  • Familie lebt auf der Treppe
  • Leben auf der Treppe
  • Badezimmer-Ersatz im Slum
  • Kochstelle im Kino
  • Frau im Kino-Slum
  • Das Kino 2
  • Das Kino 3
  • Das Dach des Kino-Slums

Hunderte Menschen leben in dem alten Kinogebäude – manche von ihnen schon jahrzehntelang. Sie haben die Räume in kleine Verschläge unterteilt, selbst die Treppenaufgänge werden bewohnt. Auf jedem Stockwerk gibt es eine Toilette - für bis zu zehn Familien. Es ist dunkel und stickig hier, überall liegt Müll herum, der Gestank ist unerträglich. Die Stadt duldet die Bewohner bisher, droht aber immer wieder mit einer Räumung des Gebäudes.

 

Als die ZDF-Reporter 2009 zum ersten Mal hier waren, gab es keine offiziellen Wasserleitungen. Das Wasser wurde von privaten Anbietern an die Bewohner verkauft – für viel Geld. Dabei beschloss die UN bereits im Jahr 2000: Sauberes Wasser darf kein unerreichbarer Luxus sein.

Wir treffen den Beschluss, bis zum Jahr 2015  den Anteil der Menschen, die hygienisches Trinkwasser nicht erreichen oder es sich nicht leisten können, zu halbieren.

Millenniumserklärung der Vereinten Nationen

Millenniumserklärung als Download

Mangelware Wasser

Ein hehres Ziel. In Kambodscha gibt es nach wie vor viele Slums, die von den Behörden nicht mit ausreichend Wasser versorgt werden. In dem Kino gibt es inzwischen zwar zahlreiche Leitungen, die Stadt hat einige Anschlüsse legen lassen, aber nicht alle Menschen haben Zugang. Wer einen eigenen Anschluss besitzt, verkauft das Wasser teuer an die anderen weiter - zu einem Vielfachen des regulären Preises.

 

 

<p>Viele Leitungen - und trotzdem zu wenig Wasser für alle.</p>

Viele Leitungen - und trotzdem zu wenig Wasser für alle.

 

Nicht nur im Kino-Slum gibt es zu wenig Wasser: In Kambodscha haben viele Haushalte keine eigene Wasserleitung und weit über die Hälfte haben keine eigene Toilette. Dadurch entstehen Krankheiten wie Durchfall oder Typhus.

 

Mangelnde Hygiene, unsauberes Wasser und verschmutzte Lebensmittel - besonders für Kinder, alte oder schwache Menschen gesundheitsgefährdend. Geschätzte 10.000 Tote gibt es laut Unicef in Kambodscha jedes Jahr deswegen.

 

Ein Verschlag im Dreck

In einem Verschlag ganz unten im Kinosaal wohnt Ngong Theavy mit ihren drei Kindern. Ihr Mann ist krank und lebt nicht mit der Familie zusammen. 20 Dollar zahlt sie pro Monat an Miete, mehr kann sie sich nicht leisten. Die Räume in den oberen Stockwerken sind ein wenig besser, sauberer. Aber sie kosten zwischen 50 und 100 Dollar. Zu viel für die Familie.

 

Und so spielen vor ihrer Tür die Ratten, das Abwasser der oberen Stockwerke läuft an den Wänden runter, überall tropft und steht das Wasser. Sauberes Trinkwasser muss sich die Familie trotzdem bei den Nachbarn erkaufen, die mitten im Kino-Slum einen kleinen Kiosk betreiben. 200 Riels - umgerechnet fünf Cent - zahlt Ngong pro Wassereimer. Ein kleines Vermögen.

 

 

In der hintersten Hütte lebt ein Ehepaar. Auch die beiden haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Das Abwasser der anderen sammelt sich vor ihrem Verschlag, rund um sie herum steigt ein dreckiger See, in dem sich die Ratten besonders wohl fühlen. 10-15 Dollar Miete im Monat bezahlen sie für die kleine Unterkunft. Beide sind schwer krank, leben von ein bisschen Müllsammeln. Er ist erst 40 Jahre alt und hat keine Träume mehr.

Es ist unmöglich, hier auszuziehen. Ich weiß nicht, wohin wir gehen könnten.

Slumbewohner

Dreckiges Wasser

Verschmutztes Trinkwasser und mangelnde Hygiene verursachen in Kambodscha viele Krankheiten.

  • 71 Prozent haben sauberes Wasser.
  • 37 Prozent haben Zugang zu Sanitäranlagen.
  • 1.000 Kinder sterben pro Jahr wegen unsauberen Wassers.

Ohne Hoffnung

Trotz der UN-Millenniumsziele: In dem ehemaligen Kino in Phnom Penh hat sich fast nichts verbessert. Armut und Krankheit sind unverändert, für die Menschen hier gibt es keine Perspektive. Die Bewohner kämpfen um sauberes Trinkwasser, um irgendeinen Ausweg aus ihrer Situation. Hoffnung haben sie kaum.

Der Kino-Slum, 2009

Der Kino-Slum, 2015

Natürlich habe ich Träume. Ich möchte ein schöneres Haus haben. Aber das kann ich mir nicht leisten.

Ngong Theavy

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