Ein Bauer ohne Ernte

Als Bauer konnte der Äthiopier Kumsa Negera nicht überleben. Mit großer Hoffnung zog er deshalb in die Stadt. Doch besser geht es ihm jetzt nicht.

Der Neuanfang

Eigentlich ist Kumsa Negera Bauer - und das von ganzem Herzen. Er lebt mit seiner Frau und den drei Kindern in Tulu Bolo in Äthiopien, rund 100 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Addis Abeba. Die Region war einst die Kornkammer Afrikas. Negera liebt die Arbeit auf dem Feld. Und doch hat die Familie vor anderthalb Jahren ihre kleine Hütte verlassen und ist in die Stadt gezogen. Auf der Suche nach einem besseren Leben und einer Zukunft. Jetzt arbeitet der 38-Jährige als Tagelöhner. Statt auf dem Acker steht Negera nun Tag für Tag auf der Straße, in der Hoffnung, dass jemand seine Dienste braucht.

2009 treffen ZDF-Reporter Kumsa Negera zum ersten Mal in Äthiopien für eine TV-Dokumentation. Da lebt er noch in einer kleinen Strohdach-Hütte weit draußen und bewirtschaftet einen Hektar Land. Mehr schlecht als recht hält die Familie sich damals über Wasser: Die dürftige Ernte reicht nicht aus, um Reserven für schlechte Zeiten anzulegen.

Der Familienvater wünscht sich, dass es seine Kinder einmal besser haben, dass sie zur Schule gehen und lernen können. Und so entscheidet er sich, das alte Leben aufzugeben und sein Glück in der Stadt zu suchen. Seine beiden großen Kinder Kebede und Bushe gehen nun regelmäßig in die Schule. Kebede ist 12 Jahre und geht in die 2. Klasse, Bushe ist 9 Jahre und geht in die 1. Klasse.

 

Doch der Traum vom besseren Leben zerplatzt schnell. Das Geld reicht hinten und vorne nicht, um die Familie zu ernähren. Auch Kebede muss mit anpacken. Er putzt Schuhe, um etwas hinzuzuverdienen. 50 Cent nimmt er für ein Paar, etwa ein bis drei US-Dollar in der Woche. Viel ist das nicht.

  • Negeras Sohn arbeitet als Schuhputzer
  • Schuhputzender Sohn 4
  • Schuhputzender Sohn
  • Schuhputzender Sohn 2
  • Schuhputzender Sohn 3
  • Straßenschuhputzer

Die Angst vor der Dürre

Negera steckt zwischen Perspektivlosigkeit, Hunger und Armut fest. So wie viele Äthiopier. Rund 85 Prozent der Erwerbstätigen in Äthiopien arbeiten in der Landwirtschaft. Bleibt ein gutes Erntejahr aus, steht die Existenz auf dem Spiel.

 

Die äthiopische Regierung legt deshalb gemeinsam mit Hilfsorganisationen größere Lebensmittel-Vorräte für den Notfall an. Sie will vermeiden, dass sich eine Hungerkatastrophe wie Mitte der 80er Jahre wiederholt. Damals starben Hunderttausende Menschen.

<p>Kumsa Negera und seine Familie</p>

Kumsa Negera und seine Familie

Dennoch: Äthiopien gehört auch heute noch zu den ärmsten Ländern der Welt. Das Land entwickelt sich zwar wirtschaftlich, in der Hauptstadt Addis Abeba werden Wolkenkratzer und schicke Hotels gebaut. Aber davon merken die Menschen auf dem Land nicht viel. Laut Weltbank lebt über ein Drittel der Bevölkerung in Äthiopien von weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag. Über drei Millionen Äthiopier erhalten Nahrungsmittelhilfe.

 

Weltweit haben derzeit 800 Millionen Menschen dauerhaft nicht genug zu essen, um ein aktives und gesundes Leben führen zu können. Zu viele, findet die UN, und hat den Kampf gegen Hunger und Armut in der Millenniumserklärung festgeschrieben.

Wir treffen den Beschluss, bis zum Jahr 2015 den Anteil der Weltbevölkerung, dessen Einkommen weniger als 1 Dollar pro Tag beträgt, und den Anteil der Menschen, die Hunger leiden, zu halbieren.

Millenniumserklärung der Vereinten Nationen

Millenniumserklärung als Download

Großer Hunger

Äthiopien zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Laut Weltentwicklungsindex der UN liegt Äthiopien an 173. Stelle (von 187 Ländern).

  • 39 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze
  • 550 US-Dollar beträgt das Einkommen pro Kopf im Jahr
  • 31,6 Millionen Äthiopier sind unterernährt

Ein Dorf entwickelt sich

Mit neuen Anbaumethoden oder anderen Pflanzen versuchen Hilfsorganisationen, den Hunger langfristig zu bekämpfen. Das Dorf Sodo, unweit von Bauer Negeras Hütte, ist ein Vorzeigeprojekt der Welthungerhilfe. Vor Jahren schon haben die Bewohner hier mit dem Anbau von "falschen Bananen" begonnen. Die Pflanzen heißen so, weil sie Ähnlichkeit mit Bananenpflanzen haben. Sie sind deutlich ertragreicher als die in Äthiopien traditionell angebaute Getreideart Teff. Längst sind nicht alle Probleme in dem Dorf gelöst, aber Sodo ist auf einem guten Weg.

Stete Sehnsucht

Kumsa Negera hingegen konnte als Bauer nicht überleben. Trotzdem hat er große Sehnsucht nach seinem Land und seiner alten Hütte. Das Land hat er nur von der Regierung gepachtet, die Felder liegen brach - und dennoch betrachtet er es nach wie vor als seines. Ab und zu kommt er aus der Stadt her, einfach nur so, und geht über die Felder.

In der Stadt fühle ich mich
wie ein Gefangener.

Kumsa Negera

Wehmütig blickt auch seine Frau auf ihr altes Leben zurück. "Früher war es besser", sagt sie - obwohl die Familie damals kurz vor dem Verhungern war.

Doch das Glück ist weit entfernt. 2000 Dollar müsste Negera für eigene Ochsen ausgeben. Eine utopische Summe für ihn. Und so steht seine Hütte nun leer. Das Strohdach ist löchrig, der Regen hat das Innere durchweicht. Obwohl Regenzeit ist und die Felder grün sind, kann Negera hier nichts anbauen. Er hat kein Geld, kein Saatgut, keine Ochsen.

Negeras Hütte 2009 | 2015

Mein Traum ist es, auf mein Land zurückzukehren und genug Geld zu verdienen.

Kumsa Negera

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