Der Blumenjunge auf der Schulbank

Jahrelang hat Gustavo nachts auf den Straßen Quitos Blumen verkauft. Für die Schule blieb keine Zeit. Bis er eine echte Chance bekam und sein Leben veränderte.

Der Nachtarbeiter

Als die ZDF-Reporter Gustavo Chicaisa 2009 zum ersten Mal treffen, ist er zehn Jahre alt und schon seit fünf Jahren „im Geschäft“. Gustavo ist eines von Tausenden Kindern in Ecuador, die arbeiten gehen, um ihre Eltern zu unterstützen. Seine Familie ist auf das Geld angewiesen, das er nach Hause bringt. 

Und so verkauft der Junge Nacht für Nacht Blumen in einem Vergnügungsviertel von Quito. Er ist bis vier, fünf Uhr morgens unterwegs. Für die Schule bleibt da keine Zeit.

Kinder ohne jegliche Schulbildung - das soll es im Jahr 2015 nicht mehr geben. Die Vereinten Nationen haben die Grundschulbildung für alle Kinder als eines von acht Millenniumsentwicklungszielen ausgerufen. Alle Mädchen und Jungen auf der ganzen Welt sollen in die Schule gehen, Lesen und Schreiben lernen.

Wir treffen den Beschluss, bis zum Jahr 2015 sicherzustellen, dass Kinder in der ganzen Welt, Jungen wie Mädchen, eine Primarschulbildung vollständig abschließen können.

Millenniumserklärung der Vereinten Nationen

Millenniumserklärung als Download

Doch in die Schule zu gehen ist dem kleinen Gustavo damals nicht so wichtig. Er schwänzt häufig den Unterricht. Seine Mutter Olga erinnert sich: Spaß am Spielen oder am Lernen hatte ihr Sohn damals nicht. Sein Leben drehte sich nur um die Arbeit.

Leben im Armenviertel

Gustavo wohnt mit seiner Familie hoch über der Stadt. Seine Straße hat sich in den vergangenen Jahren - bis auf einen neuen Anstrich für das Haus, in dem die Familie wohnt - wenig verändert.

Gustavos Hauseingang 2009 | 2015

Die Wohnung ist klein und beengt. Die Familie hat eine Küche und eine Sofaecke. Alle schlafen in einem Zimmer.

Lernen für die Zukunft

In Ecuador herrscht Schulpflicht für 6- bis 14-Jährige. Doch viele Kinder brechen die Schule ab oder gehen gar nicht erst zur Schule. Die Armut ihrer Familie zwingt sie, etwas dazuzuverdienen.

<p>Hahn im Korb: Gustavo in seiner Klasse.</p>

Hahn im Korb: Gustavo in seiner Klasse.

Für Gustavo hat sich das in den vergangenen Jahren geändert: Heute geht er regelmäßig in die Schule. Seine Lieblingsfächer sind Sport und Sozialkunde. In der Schule hat er Freunde, kommt gut mit seinen Klassenkameraden aus.

 

Er lernt für seine Zukunft, träumt von einem besseren Leben mit einem guten Job und eigenem Geld. Am liebsten möchte der 16-Jährige Polizist werden.

Kleine Arbeiter

Offiziell ist Kinderarbeit in Ecuador verboten - aber viele Familien sind auf das Extra-Geld angewiesen.

  • 8 Prozent der Kinder zwischen 8 und 14 Jahren arbeiten.
  • 59.000 Kinder im Grundschulalter gehen in Ecuador nicht in die Schule.
  • 32 Prozent der Bevölkerung sind von Armut betroffen.
Mein Plan ist, meiner Mami so lange zu helfen, bis ich meinen Abschluss gemacht habe.

Gustavo

Nachts im Vergnügungsviertel

Nur am Wochenende arbeitet er noch – da begleitet er seine Mutter auf der Straße für ein kleines Extra-Geld. Rund 30 Dollar verdient Gustavo an einem guten Wochenende. Manchmal bezahlt er davon die Wasser- oder Stromrechnung, manchmal aber gönnt er sich auch etwas Besonderes für sich selbst: ein paar neue Schuhe oder Schulsachen.

 

Mit seinem Bauchladen sitzt Gustavo dann nachts im Stadtteil Mariscal, dem Ausgehviertel von Quito. Es ist voll und laut auf den Straßen. Gustavo verkauft wie viele andere Kinder auch Zigaretten oder Kaugummi an die Nachtschwärmer.

  • Gustavos Bauchladen
  • Gustavo bei der Arbeit
  • Kunde bei Gustavo
  • Gustavo mit Kundschaft
  • Gustavo mit seiner Mutter
  • Gustavo am Stand mit seiner Mutter
  • Ein Nachtklub in Mariscal
  • Gustavo bei der Arbeit 2
  • Nachts auf den Straßen in Mariscal
  • Kinderarbeit in Quito
  • Gustavo bei der Arbeit 3

Hilfe für Straßenkinder

Aufgefangen hat Gustavo vor Jahren das Zentrum für Straßenkinder „Mi Caleta“. Die Sozialarbeiter der kirchlichen Einrichtung kümmern sich um ihn. Sie sammeln die Kinder nachts auf der Straße ein, geben ihnen Essen und ein Bett zum Schlafen.

„Es hat mir nicht gefallen, als sie mich das erste Mal mitgenommen haben“, erzählt Gustavo. Doch dann geht es aufwärts für ihn. Die Sozialarbeiter bringen ihn in die Notunterkunft für Straßenkinder und schicken ihn zurück in die Schule. Und sie kümmern sich nicht nur um den Jungen, sondern auch um seine Familie – unterstützen, wo es geht und bezahlen der Mutter dringend benötigte Medikamente.

Olga Chicaisa, 2009

Olga Chicaisa, 2015

Wenn er in die Schule geht und lernt, hat er eine Zukunft, das weiß auch Gustavo. "Ich bin glücklicher als noch vor sechs Jahren", sagt er. Gustavo hat seine Chance ergriffen und will sie nutzen.

Ich möchte vorankommen und für meine Geschwister ein Vorbild sein.

Gustavo

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